Transkript des Videos aufklappen
Redaktionell bereinigtes Transkript des oben eingebundenen Videos von Wines of Germany (Deutsches Weininstitut). Grundlage sind die automatisch erzeugten Untertitel; Formulierungen wurden zur Lesbarkeit behutsam geglättet, Sprecherzuordnungen in eckigen Klammern ergänzt und der Text nach Themenblöcken gegliedert. Das rund 97-minütige Online-Seminar wurde dabei um Begrüßungs-, Technik- und Organisationspassagen gekürzt und die Diskussion sprachlich gestrafft, ohne Aussagen zu verändern. Einzelne Passagen können vom gesprochenen Wort abweichen. Es sprechen der Moderator Andreas (Deutsches Weininstitut), Manuel Bretschi (Weinrefugium), der Winzer Hans Rebholz (Weingut Ökonomierat Rebholz) und der Verkoster Jens Wagner (unter anderem für den Weinführer Eichelmann).
[Einführung: Worum geht es?]
[Andreas] Einen wunderschönen guten Abend und schön, dass ihr wieder alle dabei seid. Heute geht es um die Reife beim Wein: Was macht Reife mit Geschmack, Struktur und Eleganz? Dieser Sache wollen wir auf den Grund gehen. Dazu haben wir Manuel Bretschi vom Weinrefugium, den Winzer Hans Rebholz vom Weingut Ökonomierat Rebholz und Jens Wagner eingeladen, der unter anderem für den Weinführer Eichelmann verkostet. Wer ein Weinpaket hat: Darin sind drei Weine, immer der gleiche Wein aus drei verschiedenen Jahrgängen, ein aktueller Jahrgang, einer mit drei bis fünf Jahren Reife und einer, der mindestens von 2019 oder älter ist. Wir arbeiten uns von jung nach alt vor. Manuel, bitte übernimm.
[Manuel] Vielen Dank. Ich freue mich, ein Thema zu besprechen, das oft sehr emotional behandelt wird. Vorab: Bestimmt 95 Prozent der Weine auf dem Markt sind nicht zur Reife gedacht. Ein schlechter Wein bleibt außerdem ein schlechter Wein, nur weil er älter wird. Wir brauchen also Weine, die ein gewisses Potenzial haben, wenn sie durch Reife besser werden sollen.
[Was passiert während der Reife?]
[Manuel] Sensorisch verändert sich einiges. Es beginnt bei der Optik: Weißweine werden in der Reife durch Oxidation immer dunkler, von Goldgelb ins Bernsteinfarbene. Beim Rotwein ist es in der Regel umgekehrt, der wird eher heller, bekommt aber auch einen bräunlichen Oxidationsstich. In der Nase unterscheiden wir drei Aromagruppen: Primäraromen aus der Rebsorte, meist die fruchtigen Komponenten, dann die Sekundär- und schließlich die Tertiäraromen, die sich mit der Reife herausbilden. Der Wein geht weg von der Primäraromatik hin zur tertiären Aromatik, wird runder und komplexer.
[Kann Wein „kippen” oder schlecht werden?]
[Andreas] Lebensmittel kann man ja nicht unbegrenzt lagern. Ein Joghurt vom Vorjahr besser nicht. Wie ist das beim Wein, wird der irgendwann schädlich?
[Hans] Da bin ich fast allergisch. Wenn jemand sagt, ein Wein sei „gekippt”, dann weiß ich, dass mein Gegenüber wenig Ahnung hat. An sich kann Wein nicht kippen. Damit er zu Essig wird, muss so viel Luft an den Wein gekommen sein, dass der Korken praktisch draußen war und er den Schwefel komplett verloren hat. Bei einer verschlossenen Flasche ist mir das eigentlich noch nie vorgekommen. Wenn, dann ist es ein Verschlussfehler, keine Reifefrage.
[Hans] Gesundheitsschädlich wird ein klassisch produzierter Wein auch nach 100 Jahren nicht. Was sein kann: Bei extremer Oxidation oder bei nicht filtrierten Weinen, gerade Rotweinen, können Abbauprodukte wie Histamin zunehmen, das merkt man dann am nächsten Morgen als Kopfweh. Das hat aber nichts mit Schwefel zu tun, im Gegenteil, oft sind es gerade schwefelarme, biologisch weniger stabile Weine, die einem am nächsten Tag zu schaffen machen.
[Hans] Noch ein Punkt zur Optik: Je mehr Edelfäule im Wein ist, etwa bei einer Trockenbeerenauslese oder einem Eiswein, desto hochfarbiger wird er in der Reife, bis fast ins Cola-Farbene. Das ist völlig normal und kein Zeichen, dass der Wein hinüber ist.
[Was macht einen Wein lagerfähig?]
[Manuel] Hans, wie stark nehmt ihr das Reifepotenzial schon im Weinberg und im Keller in Kauf?
[Hans] Ein richtiges Rezept haben wir nicht. Unsere Weine sind zwar sehr lagerfähig, aber das kommt aus einer gewissen Präzision in der gesamten Weinbereitung: den Weinen Zeit geben, wenig bis gar keine Schönungsmittel einsetzen, im Weinberg auf den Ertrag achten. Aus einer guten Traube kann man im Keller nichts Besseres machen, man kann es höchstens retten, wenn es schlecht ist. Lagerfähigkeit heißt: von Anfang an mit Respekt an das Produkt herangehen, und das geht nicht in Masse.
[Hans] Was wir anders machen als mein Vater, hat viel mit dem Klima zu tun. Die Lese hat sich im Schnitt gut zwei Wochen, in vielen Jahren vier Wochen nach vorne verschoben. Wir produzieren naturreine Weine und setzen außer Schwefel nichts zu, auch keinen Zucker. Ein Alkoholgehalt um die 12 bis 13 Volumenprozent ist einfach nötig für einen vollmundigen, komplexen Wein mit Reifefähigkeit. Heute ist eher das Thema, Reife zu haben, ohne zu viel Zucker und mit guter Säure.
[Manuel] Was ich oft höre: viel Säure gleich längere Haltbarkeit. Ich habe da eher die gegenteilige Erfahrung gemacht.
[Jens] Die Säure ist wichtig, aber nur eine Komponente. Säurebetonte Jahrgänge müssen nicht automatisch lange reifen. Manche schmecken sogar relativ früh etwas älter. Die Säure alleine macht es nicht.
[Hans] Das unterschreibe ich. Hohe Säure an sich ist kein Reifegarant. In den 70er- und 80er-Jahren gab es Jahrgänge mit Säurewerten über 10, die müssten theoretisch unendlich haltbar sein, waren aber oft einfach dünn, mit wenig Alkohol und wenig Reife. Das Lesegut muss top sein und die physiologische Reife da sein.
[Jahrgänge und die „Pubertät” des Weins]
[Hans] Weine verändern sich in Stufen. Wenn ein Wein noch viel Jugendaromatik hat und gleichzeitig erste reife Töne dazukommen, wirkt er unharmonisch, weder Fisch noch Fleisch. Diese Phase nenne ich Pubertät. Der Jahrgang 2021 steckt gerade mittendrin, dem Jahrgang geschuldet mit einer leichten grünen, fast paprikaartigen Note. Ich bin überzeugt, dass 2021 in etwa zehn Jahren ein phänomenaler Jahrgang wird, aber im Moment meide ich ihn, weil die Weine noch keine Harmonie haben. 2020 dagegen ist gerade sensationell, und 2022 kommt vielleicht gar nicht so stark in diese Phase. Je wärmer und säureärmer ein Jahrgang, desto weniger heftig fällt diese Phase aus.
[Andreas] Woran erkennt man als Verbraucher, ob ein Wein gerade in dieser Phase steckt?
[Hans] Das ist schwierig. Früher gab es in den großen Printzeitschriften Jahrgangskalender mit Pfeil hoch oder Stern, das war hilfreich, so etwas findet man mit Sicherheit noch irgendwo. Und wer im Supermarkt kauft, kann davon ausgehen: Was im Regal steht, ist meist weder zu lange gelagert noch muss es noch lange reifen.
[Trinkreife: wie lange welchen Wein lagern?]
[Manuel] Was ist der optimale Trinkzeitpunkt?
[Hans] Das hängt stark von der Rebsorte ab. Riesling braucht Zeit. Jeder ordentliche Riesling sollte fünf Jahre überstehen, und nach fünf Jahren ist er in der Regel nicht zu reif. Ein zehn Jahre alter Riesling aus einem guten Haus und einer guten Lage ist eine Bank. Weißburgunder, Chardonnay und Spätburgunder machen diese Pubertätsphase kaum durch und schmecken oft schon in den ersten fünf Jahren wunderbar.
[Jens] Beim Riesling gilt: Je weniger Riesling-erfahren die Leute sind, desto schwerer tun sie sich mit jungen Jahrgängen. Wer keinen Riesling mag, bekommt bei mir einen fünf Jahre alten, dann schmeckt er fast jedem. Einen deutschen Spätburgunder oder Burgunder aus Frankreich trinke ich am liebsten zwischen fünf und zehn Jahren, Riesling von einer guten Lage ab zehn Jahren. Beim Bordeaux sind zehn Jahre das absolute Minimum, ein 20 Jahre alter Bordeaux aus einem guten Jahrgang ist für mich preislich wie geschmacklich fast unschlagbar.
[Manuel] Wie kommt man überhaupt an gereifte Weine?
[Andreas] Entweder früh kaufen und selbst lagern, oder im guten Fachhandel kaufen. Der gute Fachhandel ist der perfekte Weg.
[Jens] Ein großes Gewächs würde ich entweder ganz jung trinken, wegen seines jugendlichen Charmes, oder erst nach mindestens fünf bis acht Jahren. In den ein, zwei Jahren dazwischen machen viele zu und sollten ruhen.
[Hans] Ein Rebholz Großes Gewächs mache ich normalerweise nicht unter zehn Jahren auf.
[Andreas] Kann man die Reife beschleunigen, etwa durch frühes Öffnen oder Dekantieren?
[Hans] Die Tertiäraromen entstehen nicht durch Dekantieren. Einen sehr verschlossenen Wein kann man mit Luft und Zeit zum Öffnen bringen, die Reife selbst lässt sich aber nicht beschleunigen.
[Woran erkennt man Reifepotenzial? Produzent, Lage, Rebsorte]
[Hans] Ob ein Wein Reifepotenzial hat, hat sehr viel mit der Erfahrung des Produzenten zu tun. Es gibt Weine, die einen in der Jugend blenden. Das Wichtigste auf dem Etikett ist immer der Produzent.
[Jens] Bei einem guten Weingut kann man in fast jedem Jahr davon ausgehen, dass der Wein reifen kann, auch in einem Jahr mit schlechteren natürlichen Voraussetzungen. Genauso schwierig wie das Potenzial ist der optimale Trinkzeitpunkt, und beim Wein gibt es zu jeder Regel tausend Ausnahmen.
[Hans] Was eine gute Lage ausmacht, ist die Kontinuität der Qualität: Jahr für Jahr reife, charakterstarke Trauben. Riesling und Burgunder setzt man meist in die Toplagen, dadurch kommt anderes Potenzial zur Geltung. Silvaner wird dagegen oft nicht auf die beste Lage gesetzt und kann sein Potenzial dann nicht ausspielen.
[Manuel] Gereifte Weine sind außerdem oft die spannenderen Speisebegleiter, weil sie runder und komplexer sind. Ein junger Riesling passt zu deftiger, elsässischer Küche, ein gereifter Riesling dagegen auch zu Wiener Schnitzel, zu Fisch, Hühnchen oder geschmortem Fleisch. Auf die Soße kommt es dabei oft mehr an als auf die Hauptkomponente.
[Welche Rebsorten reifen gut?]
[Manuel] Wenn ich mich entscheiden müsste, wäre ich bei Riesling und Chardonnay, aber auch Traminer kann großartig reifen.
[Hans] Riesling ist für mich klar die Nummer eins, wenn es um Reife bei deutschen Rebsorten geht. Ergänzen würde ich den Silvaner. Weißburgunder ist genial, weil er nicht diese Petrolaromatik bekommt. Wir haben kürzlich einen 88er Weißburgunder aus unserem Keller geöffnet, den selbst erfahrene Leute rund 15 Jahre jünger geschätzt haben.
[Jens] Riesling ist unangefochten, ob trocken oder edelsüß. Silvaner aus Franken hat ein fantastisches Reifepotenzial. Und eine Rebsorte, die in Deutschland Zukunft hat, ist Syrah. Ich hatte kürzlich einen 2017er Syrah aus der Pfalz, einer der besten Weine der letzten Zeit. Syrah profitiert stark vom Klimawandel, deshalb gibt es aber noch keine 20 Jahre alten deutschen Syrahs zum Vergleich. Beim PIWI fehlen schlicht die Erfahrungswerte, ich habe aber schon gute gereifte Beispiele getrunken.
[Wein zu Hause richtig lagern]
[Hans] Wer zu Hause lagert, sollte seine Lagerbedingungen kennen. Licht ist eine Katastrophe für Wein, ebenso Temperaturschwankungen. Am besten lässt man den Wein im Karton oder in der Kiste, das puffert Temperaturschwankungen und hält das Licht ab. Transparente, weiße Flaschen sind für die Lagerung immer schlecht. Und wer im Fachhandel kauft, sollte darauf achten, dass der Händler gute Lagerbedingungen hat, denn im hell beleuchteten Regal ist ein Wein alles andere als gut aufgehoben.
[TDN und die Petrolnote beim Riesling]
[Manuel] TDN, ausgeschrieben Trimethyldihydronaphthalin, ist der Stoff hinter den typischen Petroltönen, die man bei gereiften Rieslingen kennt, Richtung Tankstelle oder Kerosin. TDN ist ein Abbauprodukt aus den Carotinoiden. In reiferen Jahrgängen und bei reiferen Trauben ist es deutlich stärker wahrnehmbar, das zeigen auch Versuche zum Lesezeitpunkt, unter anderem aus Australien. Interessant: Unter Schraubverschluss kommt TDN offenbar stärker zur Geltung als unter Kork.
[Hans] Ich bin beim Riesling ein Verfechter des Naturkorks. Gegen TDN hilft im Weinberg vor allem die richtige Beschattung und Laubarbeit, ein Spagat aus Schatten und Luftigkeit für gesunde Trauben. Auch die Wüchsigkeit spielt eine Rolle: Ein zu schwachwüchsiger Weinberg mit sehr kleinen Beeren neigt eher zu starkem Petrolton. Bei uns hat der 2020er mehr Petrol als der 2019er. Am stärksten tritt die Note in der Übergangsphase von der Jugend- zur Tertiäraromatik auf, später wird sie meist wunderbar eingebunden. Mit Luft und einem großen Glas lässt sich Petrol gut integrieren. Ein Schraubverschluss ist kein schlechter Verschluss, nichts ist so schlimm wie ein gekorkter Wein.
[Jens] In einem sehr jungen Wein wäre ein deutlicher Petrolton für mich ein Warnsignal, dann fließt das negativ in die Bewertung ein.
[Klimawandel und Riesling]
[Manuel] Man hört oft, Riesling sei nicht der Gewinner des Klimawandels.
[Hans] Das hasse ich fast noch mehr als die Rede vom gekippten Wein. Riesling ist eine geniale Rebsorte. Wenn unsere Kinder einmal Probleme haben, Riesling anzubauen, dann haben wir in Deutschland ganz andere, gesellschaftliche und klimatische Probleme. Ich bin überzeugt, dass der Rieslinganteil an der Rebfläche in Deutschland sogar noch steigen wird.
[Stilistik, Süßweine und Trends]
[Jens] Fehlerhafte Weine gibt es kaum noch, der Ausbildungsstand ist sehr hoch. Vor zehn Jahren hat noch niemand diese extrem reduktiven Weine gemacht, die jung nach Feuerstein und Schießpulver riechen. Solche Moden kommen und gehen, was bleibt, sind die starken Rebsorten, allen voran Riesling. Aktuell erlebt Chardonnay einen großen Aufschwung und ist für mich die spannendste Rebsorte, dazu wieder Syrah.
[Hans] Restsüße Rieslinge in einer hohen Prädikatsstufe sind die besten Süßweine der Welt. Wir machen als Betrieb für sehr trockene, naturreine Weine zwar nur kleine Mengen Süßwein, aber mit großer Leidenschaft.
[Jens] Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist, dass mehr Winzer auf Bio umstellen. Nachhaltigkeit ist für mich ein sehr großes Thema im Weinbau, und die Pfalz ist da ein Vorreiter.
[Hans] Ich wünsche mir ein starkes Europa, gerade als Grenzregion. Und ich wünsche mir, dass die deutschen Winzer und Kunden selbst verstehen, was wir eigentlich haben. Die Renaissance des deutschen Weins ist noch keine 30 Jahre alt, die Qualität aber steht außer Frage. Die Weine waren noch nie so gut, wie sie jetzt sind.
[Fazit des Abends]
[Andreas] Im kurzen Stimmungsbild der Teilnehmer war Wein Nummer drei, der reifste Wein, am häufigsten genannt.
[Manuel] Das wäre auch mein Favorit. Jede Vertikale überrascht und zeigt, was Reife mit einem Wein machen kann. Ich würde mir wünschen, dass man diesem Thema mit Offenheit, Wertschätzung und ein wenig Demut begegnet, denn das macht große Weine noch größer.
Was das Online-Seminar über die Reife von Wein zeigt
In diesem rund 97-minütigen Online-Seminar des Kanals Wines of Germany (Deutsches Weininstitut) diskutieren der Winzer Hans Rebholz, der Verkoster Jens Wagner und Moderator Manuel Bretschi, was mit Wein passiert, wenn er reift. Wir fassen die Inhalte des Videos hier zusammen und ergänzen an einzelnen Stellen gut belegte Hintergrundinfos, damit die Seite auch beim Nachlesen weiterhilft. Weitere Grundlagen findest du in unserem Weinwissen.
Was beim Reifen im Glas geschieht
Mit den Jahren verschiebt sich der Wein von der fruchtigen Primäraromatik hin zu komplexen Tertiäraromen: Er wird runder, tiefer und stimmiger. Sichtbar wird das an der Farbe. Weißweine werden durch Oxidation dunkler, von Goldgelb ins Bernsteinfarbene, Rotweine dagegen eher heller mit einem bräunlichen Stich. Je mehr Edelfäule ein Wein hatte, etwa eine Trockenbeerenauslese, desto hochfarbiger wird er, bis fast ins Cola-Farbene. Das ist normal und kein Makel.
Nicht jeder Wein ist zum Reifen gemacht
Die Experten sind sich einig: Der Großteil der Weine am Markt ist für den frühen Genuss gedacht. Ein einfacher Wein wird durch Alter nicht besser. Entscheidend für Reifepotenzial ist vor allem der Produzent, dann die Lage und die Rebsorte. Hohe Säure allein ist kein Garant für Haltbarkeit: Es braucht reifes, gesundes Lesegut, genügend Alkohol (meist um die 12 bis 13 Volumenprozent) und Präzision im Keller.
Wein lagern: die richtigen Bedingungen zu Hause
Damit ein lagerfähiger Wein sein Potenzial ausspielt, muss er richtig aufbewahrt werden. Hans Rebholz nennt im Video die wichtigsten Feinde des Weins, ergänzend haben wir die üblichen Richtwerte aus der Weinberatung zusammengetragen. So gelingt das Wein lagern auch ohne eigenen Gewölbekeller. Eine neutrale Übersicht bietet auch das Deutsche Weininstitut zur Weinlagerung.
- Temperatur: möglichst konstant, ideal etwa 10 bis 15 Grad. Nicht die genaue Zahl ist entscheidend, sondern dass große Schwankungen vermieden werden.
- Licht: so dunkel wie möglich. UV-Licht schadet dem Wein, transparente, helle Flaschen sind für die Lagerung besonders ungünstig.
- Luftfeuchtigkeit: rund 50 bis 80 Prozent halten den Korken elastisch. Zu trockene Luft lässt Naturkorken austrocknen.
- Liegend oder stehend: Weine mit Naturkork liegend lagern, damit der Korken feucht und dicht bleibt. Bei Schraubverschluss oder Glaskorken ist die Position unkritisch.
- Der einfachste Trick: den Wein im Originalkarton oder in der Holzkiste lassen. Das puffert Temperaturschwankungen und hält das Licht ab.
- Beim Kauf: zu einem Händler mit guten Lagerbedingungen greifen. Im hell beleuchteten Regal ist ein Wein alles andere als gut aufgehoben.
Wie lange kann man welchen Wein lagern?
Ergänzend zum Video haben wir die Trinkfenster geordnet, die Hans Rebholz und Jens Wagner nennen. Sie sind Richtwerte für gute Qualitäten aus guten Lagen, im Einzelfall entscheidet immer der Produzent.
- Riesling (trocken): sollte mindestens fünf Jahre überstehen. Von einer guten Lage entfaltet er sich oft erst ab zehn Jahren richtig.
- Weißburgunder, Chardonnay, Spätburgunder: machen die schwierige „Pubertätsphase” kaum durch und schmecken häufig schon in den ersten fünf Jahren wunderbar; Burgunder gern zwischen fünf und zehn Jahren.
- Große Gewächse: entweder ganz jung genießen oder erst nach mindestens fünf bis acht Jahren wieder öffnen. Ein Rebholz Großes Gewächs macht Hans Rebholz normalerweise nicht unter zehn Jahren auf.
- Bordeaux und kräftige Rotweine: zehn Jahre sind ein sinnvolles Minimum; mit rund 20 Jahren sind gute Jahrgänge oft in Bestform.
- Edelsüße Weine: gehören zu den langlebigsten Weinen überhaupt und können Jahrzehnte reifen.
Die Reife lässt sich übrigens nicht beschleunigen. Dekantieren öffnet einen verschlossenen Wein kurzfristig, die Tertiäraromen entstehen aber nur mit Zeit.
Wichtige Fragen und Tipps rund ums Wein lagern und Reifen
Kann Wein schlecht werden oder „kippen”?
In einer verschlossenen Flasche kippt Wein praktisch nicht. Damit er zu Essig wird, müsste so viel Luft an den Wein kommen, dass der Verschluss undicht ist und der Wein seinen Schwefelschutz verliert. „Gekippt” ist deshalb fast immer ein Verschlussfehler, keine Frage der Reife. Praktisch heißt das: Eine korrekt gelagerte, dicht verschlossene Flasche kannst du auch nach vielen Jahren bedenkenlos öffnen und probieren, bevor du sie beurteilst. Wie du sie richtig lagerst, steht im Abschnitt „Wein lagern: die richtigen Bedingungen zu Hause”.
Wird alter Wein gesundheitsschädlich?
Ein sauber, klassisch produzierter Wein wird laut Hans Rebholz auch nach 100 Jahren nicht gesundheitsschädlich. Was manchen Menschen zu schaffen macht, ist Histamin, das vor allem in nicht filtrierten Rotweinen vorkommen kann und sich als Kopfweh am nächsten Morgen zeigt. Das ist aber kein Reifeproblem und hat nichts mit Schwefel zu tun. Wer empfindlich reagiert, greift eher zu filtrierten, biologisch stabilen Weinen.
Woran erkenne ich, ob ein Wein Reifepotenzial hat?
Eine einfache Formel gibt es nicht, es zählt Erfahrung. Der wichtigste Hinweis ist der Produzent: Bei einem guten Weingut kann man auch in schwächeren Jahren davon ausgehen, dass der Wein reifen kann. Dazu kommen eine gute Lage und eine reifetaugliche Rebsorte. Praktisch heißt das: Kaufe für die Lagerung gezielt Weine renommierter Betriebe aus guten Lagen, statt auf hohe Säure allein zu setzen. Welche Rebsorten sich besonders eignen, liest du im nächsten Punkt.
Welche Rebsorten eignen sich am besten zum Lagern?
Bei den deutschen Rebsorten ist Riesling für die Experten die klare Nummer eins, trocken wie edelsüß. Sehr gut reifen außerdem Weißburgunder (der keine Petrolnote entwickelt), Chardonnay und Silvaner, gerade aus Franken. Als Rotwein hat neben dem Spätburgunder zunehmend Syrah Potenzial. Praktischer Tipp: Wenn du eine kleine Sammlung anlegst, bilden gute Rieslinge aus Toplagen das verlässlichste Fundament, ergänzt um Weißburgunder oder Chardonnay für den früheren Genuss. Welche Rebsorten in welcher Region zu Hause sind, zeigt unsere Übersicht der Weinanbaugebiete in Deutschland.
Warum riecht gereifter Riesling nach Petrol?
Verantwortlich ist der Stoff TDN (Trimethyldihydronaphthalin), ein Abbauprodukt aus den Carotinoiden der Traube. Er erinnert an Kerosin oder Tankstelle und tritt in reiferen Jahrgängen stärker hervor, unter Schraubverschluss meist deutlicher als unter Kork. Am präsentesten ist die Note im Übergang von der Jugend zur Reife, später wird sie meist elegant eingebunden. Praktisch lässt sich Petrol gut zähmen: den Wein rechtzeitig öffnen und ein großes Glas oder eine Karaffe verwenden, dann integriert sich die Note mit etwas Luft.
Wie kommt man an gereifte Weine?
Zwei Wege führen zum Ziel: jung kaufen und selbst lagern oder gezielt beim guten Fachhandel kaufen, der reife Jahrgänge aus guter Lagerung anbietet. Für die eigene Lagerung gelten die Bedingungen weiter oben. Und ein reifer Wein lohnt sich doppelt bei Tisch: Er ist oft der rundere, spannendere Speisebegleiter, ein gereifter Riesling passt zum Beispiel zu Wiener Schnitzel, Fisch, Hühnchen oder geschmortem Fleisch.





