Saale-Unstrut: Deutschlands nördlichstes Weinanbaugebiet im Video-Porträt

Video: „SAALE-UNSTRUT – WeinEntdeckerWissen OnlineSeminar Deutschlands Weinregionen” von Wines of Germany, dem YouTube-Kanal des Deutschen Weininstituts (DWI). Das Video stammt nicht von uns. Wir stellen es hier redaktionell vor, alle Rechte liegen beim Kanal.
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Redaktionell bereinigtes Transkript des oben eingebundenen Videos von Wines of Germany (Deutsches Weininstitut). Grundlage sind die automatisch erzeugten Untertitel; Formulierungen wurden zur Lesbarkeit behutsam geglättet, Sprecherzuordnungen in eckigen Klammern ergänzt. Begrüßungs-, Technik- und Organisationspassagen des 98-minütigen Livestreams sind gekürzt. Einzelne Passagen können vom gesprochenen Wort abweichen.

Einspielfilm zur Region

[Einspielfilm] Für jeden, der sich für Wein begeistert, ist es eine spannende Sache, hierherzukommen: Man kann in historisch interessanter Landschaft Weinkultur genießen. Im Süden Sachsen-Anhalts, mit Teilen in Thüringen und Brandenburg, liegt das Weinbaugebiet Saale-Unstrut. Das Gebiet ist das nördlichste und eines der kleinsten in Deutschland. Die Kulisse beeindruckt: Klöster, Dome, Burgen und historische Zeugnisse, eingebettet in die reizvollen Flusslandschaften von Saale und Unstrut. Terrassenlagen prägen die Landschaft und werden auch von kleinen Hobbywinzern gepflegt, das ist das Besondere hier. Angebaut werden vorwiegend Weißweine. Das Besondere der Region ist der Weißburgunder, neben dem Müller-Thurgau die mit interessanteste Sorte. Das Anbaugebiet liegt am 51. Breitengrad, keine Selbstverständlichkeit, dass dort hervorragende Weine gedeihen. Aber die Reben wachsen im Regenschatten des Harzes, von der Sonne geküsst. Mittlerweile setzt man auch stark auf Rotweine. Bis zur Wende gab es an Saale-Unstrut nur zwei Betriebe. Daneben haben sich seither unheimlich viele Weingüter entwickelt, gerade in den letzten zehn Jahren ist die Vielfalt enorm gewachsen und hat die Region bunt gemacht. Stete Entwicklung und gleichzeitig Tradition: Sekt wird hier seit dem 19. Jahrhundert hergestellt, neben vielen kleinen Sekthäusern gibt es eine große Sektkellerei, die weltweit bekannt ist. Die Kulinarik ist genauso facettenreich wie die Weinlandschaft.

Begrüßung und Vorstellung der Gäste

[Andreas Kaul, DWI] Herzlich willkommen zu unserem ersten Online-Seminar im neuen Jahr. Die Resonanz war wieder sehr groß, mit Teilnehmern von Niederösterreich über Schottland und die Niederlande bis in die Schweiz. Unser Thema heute: Saale-Unstrut, das elfte Anbaugebiet in unserer Reihe. Fragen stellen Sie am besten über die Frage-und-Antwort-Funktion, wir leiten sie an unsere drei Experten weiter, die heute aus Camburg mitten im Anbaugebiet zugeschaltet sind.

[Sandra Warzeschka] Ich bin als Quereinsteigerin zum Wein gekommen, durfte in den letzten Jahren den Weinbauverband Saale-Unstrut als Geschäftsleitung führen und bin weiterhin in der Schutzgemeinschaft und vielen Gremien aktiv. Seit vielen Jahren ist es mir eine große Freude, über Weinproben, Schulungen und Seminare für Saale-Unstrut zu begeistern.

[Luise Böhme] Ich bin 21 Jahre alt und mit meinen jungen Jahren mittlerweile schon Jungwinzerin an Saale-Unstrut, aufgewachsen in einem kleinen Familienweingut an der Unstrut. Ich bin über Umwege zum Weinbau gekommen, war lange in der Sportbranche als Leistungssportlerin im Siebenkampf und Hochsprung. Heute bewirtschafte ich eine eigene Terrasse mit einem knappen Hektar Riesling im Freyburger Schweigenberg, einer der steilsten Lagen. Und glauben Sie mir: Leistungssport ist nichts gegen die Arbeit in diesen Steillagen.

[Martin Gurks] Ich bin mit 16 Jahren auf den Wein aufmerksam geworden, komme aber nicht aus einem Weinbaubetrieb. Meine Großeltern hatten einen halben Hektar Weinbergsfläche und haben die Trauben an die Genossenschaft geliefert, als Genossenschaftswinzer, von denen es in der Region noch sehr viele gibt. Ich habe die Winzerausbildung und die Wirtschafterjahre in der Pfalz beziehungsweise in Bad Kreuznach gemacht, es hat mich dann aber zurück in die Heimat gezogen. Die Fläche meiner Großeltern habe ich übernommen, mittlerweile sind es drei Hektar. Bis vor kurzem habe ich noch an die Genossenschaft geliefert, jetzt bauen wir unser eigenes Weingut auf, weil wir unser Produkt gerne selbst von der Rebe bis auf die Flasche bringen möchten.

Wo liegt Saale-Unstrut?

[Sandra Warzeschka] Saale-Unstrut kennt keine Grenzen: Wir sind über drei Bundesländer verteilt. Der Großteil liegt in Sachsen-Anhalt, ein kleinerer Teil in Thüringen, und bis nach Brandenburg, bis Werder an der Havel, zieht sich das Anbaugebiet. Damit sind wir eines der nördlichsten Anbaugebiete überhaupt. Ich mache am Anfang gern ein kleines Spiel: Würde man die gesamte Ausdehnung in Thüringen und Sachsen-Anhalt nehmen, kämen wir auf stolze 11.500 Quadratkilometer. Müssten wir davon nur 0,5 Prozent bestocken, könnten wir Franken direkt Konkurrenz machen. So ist es natürlich nicht: Saale-Unstrut liegt bei der Rebfläche tatsächlich auf Platz neun der 13 deutschen Anbaugebiete, mit einem Augenzwinkern gesagt das größte der kleinsten Weinanbaugebiete.

[Sandra Warzeschka] Es sind aber nicht nur Saale und Unstrut, die die Rebflächen prägen. Dazu zählen auch die Weiße Elster, an der einige Rebflächen um die Stadt Zeitz liegen, und die Ilm, die durch Thüringen an Weimar vorbei nach Bad Sulza führt, wo unsere Weinstraße beginnt. Die Saale kommt von Franken her durch Thüringen, fließt an Jena und den Dornburger Schlössern vorbei bis nach Camburg, wo wir heute sitzen, und weiter nach Naumburg. Dort, im wunderschönen Blütengrund, einer unserer exponierten Lagen, fließt die Unstrut in die Saale. Und es ist das Wasser allgemein: Wir haben mit dem Geiseltalsee den derzeit größten künstlich angelegten See überhaupt im Anbaugebiet, entstanden aus einem alten Braunkohlegebiet, das nach und nach geflutet wurde, und auch dort wird wieder Weinbau betrieben. Der Irrgarten am See erinnert an die Fossilienfunde aus dem 50 Millionen Jahre alten Geiseltal, unter anderem das Urpferdchen. Im Norden, zwischen Halle und der Lutherstadt Eisleben, liegen die Mansfelder Seen mit dem Süßen See, auch dort eine unserer exponierten Lagen.

[Sandra Warzeschka] Viele sagen, Saale-Unstrut sei ihnen noch unbekannt. Aber kulturhistorisch sind die meisten der Region schon begegnet: Die berühmte Himmelsscheibe von Nebra wurde mitten in Saale-Unstrut entdeckt, und der Naumburger Dom ist UNESCO-Weltkulturerbe. Wer gerne Kreuzworträtsel löst, kennt die Uta, die „schönste Frau des Mittelalters”, eine der Stifterfiguren des Naumburger Doms.

Verkostung: Gutedel

[Sandra Warzeschka] Bei über 80 Rebsorten ist es gar nicht so einfach, einen typischen Vertreter auszuwählen. Aber der Gutedel verkörpert perfekt, was einen tollen, spritzigen Wein von Saale-Unstrut auszeichnet. Keine Sorge an das Markgräflerland: Wir wollen Ihnen Ihre Rebsorte nicht abspenstig machen. Aber der Gutedel hat auch bei uns eine lange Tradition, ihn gab es zu allen Zeiten an Saale und Unstrut. Wir haben derzeit rund 22 Hektar im Anbau, und fast alle unsere großen Weingüter führen einen Gutedel, oft als gute Basis im Sortiment.

[Luise Böhme] Frisch und fröhlich, ein typischer Einstieg. In der Nase habe ich viele einheimische Früchte, etwas in Richtung Birne, dazu eine feine Walnuss-, vielleicht Haselnussaromatik, was sich am Gaumen schnell bestätigt. Ein toller Speisebegleiter, gerade im Sommer, ein unkomplizierter Wein, der einfach Spaß macht.

[Martin Gurks] Der Gutedel ist vor allem dadurch geprägt, dass er den Boden widerspiegelt, aus dem er erwächst. Er hat relativ wenig Eigenaroma und zeigt dadurch extrem das Terroir und die klimatischen Bedingungen seines Standorts. Auf verschiedenen Böden entstehen spürbar verschiedene Gutedel, das ist eine sehr interessante Geschichte.

[Luise Böhme] Gerade auf den Muschelkalkverwitterungsböden, die man bei uns am meisten findet, hat der Gutedel wunderschöne Standorte gefunden. Und egal welche Witterungsbedingungen wir hatten: Der Gutedel war in den letzten Jahren immer ein Garant für schöne Frische im Glas. Als Essensbegleitung passt er zu knackigem Salat mit schönem Dressing, zu Geflügel und generell zu leichten Gerichten.

Rebsorten: Weißburgunder auf dem Vormarsch

[Sandra Warzeschka] Die Liste der größten Weißwein-Rebflächen wird noch vom Müller-Thurgau angeführt. Aber die Entwicklung zeigt: Keine zweite Rebsorte passt so gut zu Saale-Unstrut wie die Burgundersorten, gerade auf Muschelkalk- und Sandsteinböden fühlen sie sich besonders wohl. Ich denke, in ein, zwei Jahren wird der Weißburgunder an der Spitze stehen. Riesling gibt es natürlich auch. Der Bacchus läuft gut, und beim Kerner ist die Nachfrage in den letzten Jahren gestiegen, gefragt bei allen, die blumige Weine mögen, gern auch halbtrocken oder lieblich ausgebaut.

[Luise Böhme] Auch pilzwiderstandsfähige Rebsorten, die PiWis, sind ein Thema. Es gibt experimentierfreudige Weingüter, und gerade für die Steillagen sind diese Sorten von großem Interesse: Der Pflanzenschutz ist dort ein großes Thema, und wer eine Möglichkeit findet, die Steillagen effektiver zu bewirtschaften und weniger Pflanzenschutz auszubringen, auch mit dem ökologischen Gedanken, für den sind PiWis eine gute Alternative.

[Sandra Warzeschka] Insgesamt sind wir ein Weißweingebiet mit 75 Prozent weißen Sorten. Die 25 Prozent roten Sorten werden zum Teil auch als fruchtige Rosés ausgebaut. Und der typische Saale-Unstrut-Wein ist nicht nur weiß, sondern vor allem trocken: 85 Prozent aller hier ausgebauten Weine werden trocken ausgebaut. Die Weine zeigen sehr häufig das typische Rebsortenprofil, sehr geradlinig, in Verbindung mit einer schönen Frische.

Über 1.000 Jahre Weingeschichte

[Sandra Warzeschka] Warum hat Saale-Unstrut überhaupt so viele Rebsorten? Dafür lohnt ein Blick in die Geschichte, denn Saale-Unstrut blickt auf über 1.000 Jahre Weinbautradition zurück. In vielen Büchern findet man das Jahr 998 als Beginn des Anbaus. Man kann aber davon ausgehen, dass es länger zurückreicht: Eine Tauschurkunde belegt den Weinbau an den Höhen von Höhnstedt, in unserer nördlichen Enklave, schon für das Jahr 973. Im Zuge der Ausbreitung der Klöster gewann der Weinbau immer mehr an Bedeutung. Man kann es sich heute kaum vorstellen: Saale-Unstrut war einst über 10.000 Hektar groß. Das merkt man noch an vielen alten Lagenbezeichnungen, in denen der Wein bis heute steckt.

[Luise Böhme] Ich habe es mir mit meinem Mann zum Ziel gesetzt, alte Weinbergs-Stücke zu rekultivieren, sehr alte, sehr steile Lagen. Das dauert nun schon fünf Jahre und geht nach und nach weiter.

[Sandra Warzeschka] Von den 10.000 Hektar ist man heute weit entfernt. Die Zeit der Kriege, insbesondere der Dreißigjährige Krieg, später Echter und Falscher Mehltau, und dann die Reblaus: Sie suchte Saale-Unstrut als eines der ersten Anbaugebiete heim, und die Bücher berichten, dass binnen eines Jahres der Weinbau hier komplett zum Erliegen kam. Daraufhin wurde beschlossen, eine Rebenversuchsanstalt zu gründen. Hier hat Börner geforscht: Er war der Erste, der erkannt hat, dass die Amerikanerreben eine gewisse Resistenz gegen die Reblaus mitbringen, und hat die erste resistente Unterlage gezüchtet.

[Sandra Warzeschka] Nach der Katastrophe gab es ein kurzes Hoch, und in diese Zeit fällt auch der Sekt. Was man oft nicht vermutet: Die erste „Champagner-Fabrik” Deutschlands wurde 1824 in Saale-Unstrut begründet. Nein, das war nicht die heutige Rotkäppchen-Kellerei, die wurde 1856 gegründet und ist aus der Weinhandlung Kloss & Foerster hervorgegangen. Freyburg würde ich als die Wein- und Sekthauptstadt von Saale-Unstrut bezeichnen. Und Sekt ist bis heute ein Thema bei vielen Privatweingütern: Der Winzersekt gehört vielerorts mit ins Sortiment. Sekt am 51. Breitengrad ist besonders interessant, weil wir immer als Cool-Climate-Region gehandelt wurden, wobei man das nach den letzten Jahren mit Temperaturspitzen von 35 Grad über Wochen nicht mehr ganz unterstreichen kann.

DDR-Zeit und Neuanfang nach der Wende

[Martin Gurks] Zu DDR-Zeiten stand der Qualitätsweinbau nicht im Vordergrund, da wurde auf Masse statt Klasse produziert. Während der DDR-Zeit sind praktisch keine privaten Weingüter entstanden, fast alle heutigen Güter wurden erst nach der Wende gegründet. Saale-Unstrut hat im Vergleich zu anderen Weinbauregionen extrem wenige Privatbetriebe, die komplett selbst auf die Flasche füllen, und noch über die Hälfte der Fläche geht heute an die Genossenschaft, die Winzervereinigung Freyburg, unsere einzige. Ich kenne es von meinem Großvater: Er hat neben der Landwirtschaft ein bisschen Weinberg gemacht und die Trauben abgeliefert. Von den Trauben hat man oft nicht viel wiedergesehen, die Weine wurden exportiert, und am eigenen Tisch wurden andere getrunken.

[Sandra Warzeschka] Zu DDR-Zeiten gab es zwei Betriebe: das VEB Kloster Pforta, das heutige Landesweingut Kloster Pforta, und eben die Genossenschaft. Mehr gab es nicht, dazu die Hobbywinzer. Und das nicht, weil niemand wollte: Private Betriebe wurden enteignet, das muss man so sagen, und Flächen lagen brach, die nicht hätten brach liegen müssen. Saale-Unstrut ist immer wieder ein Stehaufmännchen gewesen, das zeichnet die Region aus.

[Luise Böhme] Viele Betriebe wurden damals in landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften eingegliedert, Weinberge und Felder mussten abgegeben werden. Diese Flächen haben die Familien 1989/90 von der damaligen Treuhand zurückbekommen, und Neugründungen waren möglich. In den Jahren 1990 bis 1993 gab es wahnsinnig viele Betriebsgründungen an Saale-Unstrut, die meisten unserer privaten Weingüter stammen aus dieser Zeit. Heute sind das Betriebe, die im Schnitt zwischen zehn und 25 Hektar bewirtschaften. Drei Jahrzehnte sind im traditionsreichen Handwerk Weinbau ein Wimpernschlag: Die ersten Privatweingüter stehen jetzt erst im ersten Generationswechsel, das werden extrem spannende fünf bis zehn Jahre für Saale-Unstrut.

[Martin Gurks] Eine interessante Hintergrundinfo: Dass die kleinen Flächen der Hobbywinzer so zersplittert sind und teils bis zu sieben Rebsorten in einem Weinberg stehen, hängt mit der DDR-Zeit zusammen. Man bekam von der Genossenschaft nur die Weine zurück, die man auch selbst abgeliefert hatte. Wer sieben verschiedene Weine trinken wollte, hat sieben Sorten gepflanzt. Und Reben waren unglaublich schwer zu bekommen, es gab keine eigene Rebschule, man freute sich über alles, was man über gute Beziehungen bekam.

Verkostung: Weißburgunder, dazu Klima der Extreme

[Luise Böhme] Der Weißburgunder verspricht alles, was ich an den Saale-Unstrut-Weißburgundern liebe: heimische Früchte, Apfel, Birne, Quitte, wie man sie beim Wandern durch die Streuobstwiesen der Flusstäler findet, dazu eine schön definierte Säurestruktur und eine ganz feine Aromatik. Er ist ein toller Speisebegleiter zu jeglichen Spargelgerichten und bei uns in der Region wahnsinnig gut zu Fisch. Interessant ist die Cremigkeit, die unsere Weißburgunder mitbringen, gerade im Barrique kommt sie noch mehr zum Tragen. Und in der Spitze, gerade aus den heißen, trockenen Jahrgängen mit 13,5 Volumenprozent, sind das Weine mit enormem Lagerpotenzial, die man gern auch mal zehn Jahre später probieren möchte, wenn es einem nicht so schwerfallen würde zu warten.

[Martin Gurks] Der Weißburgunder ist für die Weingüter auch deshalb interessant, weil er so vielfältig ist: Man kann ihn spritzig im Stahltank ausbauen oder ins Barrique legen und ein tolles Aroma entwickeln. Auf dem Muschelkalk kommt er sehr mineralisch rüber. Er ist anerkannt, bekannt und gefragt. Wir haben in diesem Jahr ein knappes Hektar neu aufgerebt, davon über 5.000 Quadratmeter Weißburgunder.

[Luise Böhme] Bei uns im Betrieb stehen mittlerweile 18 Hektar, angefangen bei null nach 1990. Der Weißburgunder war eigentlich immer der Grund, warum wir uns ständig erweitert haben: Die Nachfrage war enorm und konnte nie ganz bedient werden. Wir liegen bei 80 Prozent Weißwein mit zwölf Rebsorten in der Vermarktung, und der Weißburgunder allein macht fast 30 Prozent aus, gefühlt hat jeder zweite Kunde eine Flasche davon im Korb.

[Luise Böhme] Zum Klima: Wir sind ein Anbaugebiet der Extreme. Nach den trockenen Jahren 2018 bis 2020 kam der Februar 2021 mit einem Rekordwinter: zwei Nächte mit über minus 20 Grad in der Kernregion, in Thüringen sogar minus 24 bis minus 25 Grad. Im Studium in Geisenheim lernt man, bei minus 18 bis minus 19 Grad ist für die Rebe eigentlich Schluss. Das mussten wir an vielen Stellen schmerzlich erfahren, die eine oder andere Anlage hat es nicht geschafft. Dazu hatten wir 2021 eines der kältesten Frühjahre seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. An diesem obersten Breitengrad ist das Klima immer wieder in absoluten Spitzen unterwegs, wir stellen fast jedes Jahr einen neuen klimatischen Rekord auf.

[Martin Gurks] Bei mir waren es minus 26 Grad, ich wohne im Thüringer Teil. Über 50 Prozent der Flächen hatten Frostschäden, teilweise massiv. Die Problematik ist dann: komplett roden oder komplett von unten neu hochziehen, was vom Charakter her einer Junganlage gleicht. Was im Schnee lag, etwa 20 Zentimeter, ist nicht erfroren, das hat uns der Schnee gerettet. Es ist sehr ärgerlich, aber es hilft nichts, jetzt werden die Flächen wieder neu aufgebaut.

Böden und Steillagen

[Luise Böhme] Um es kurz zu kategorisieren: Direkt in Freyburg, im Kerngebiet, haben wir den reinen Muschelkalk. Das sieht man an den Terrassenmauern, die alle aus Muschelkalk geschaffen sind, und auch der Naumburger Dom ist daraus gebaut. Geht man in den Thüringer Teil, ist man immer mehr im Buntsandstein unterwegs, das Trias hat diese Region geprägt. Auf beiden liegt teils Löss als Auflage.

[Martin Gurks] Die Weine vom Buntsandstein sind im Allgemeinen etwas schwerer, die vom Muschelkalk eher spritzig und mineralisch. Die Prestige-Lagen rund um Freyburg und den Freyburger Schweigenberg liegen auf Muschelkalkverwitterungsböden, Riesling und Weißburgunder zeigen dort einen sehr filigranen Charakter.

[Martin Gurks] Zu den Steillagen: Von Steillage spricht man ab 30 Prozent Hangneigung. Die ganz steilen Lagen sind querterrassiert, und das Prägende sind die alten Weinbergsmauern, die sehr aufwendig zu erhalten sind. Mechanisierung ist dort ein schwieriges Thema. Es gibt mittlerweile Direktzuganlagen, die mit dem Traktor befahren werden können. Aber in den echten Terrassenlagen läuft fast alles von Hand: Pflanzenschutz mit der Rückenspritze oder mit einer Schlauchleitung von einem zentralen Punkt aus, jeder Winzer hat da sein eigenes System. Eine Hubschrauberspritzung gibt es bei uns in der gesamten Region nicht mehr, auch weil in den Lagen teilweise Wochenendhäuser stehen, und die Drohne hat sich noch nicht durchgesetzt. Der Freyburger Schweigenberg ist etwa eine 25-Hektar-Fläche, die in viele kleine Parzellen unterteilt ist.

Fragen aus dem Chat: Handel, Weingüter, VDP, Bio, gemischter Satz

[Luise Böhme] Warum findet man Saale-Unstrut-Wein so selten im Handel? Wir sind einfach sehr klein, und die letzten vier Jahre waren keine einfachen: Frost, davor Frost an den Eisheiligen, davor drei sehr trockene Jahrgänge mit sehr kleinen Ernten. Unsere Weingüter vermarkten größtenteils direkt, teilweise sind die Weine schneller ausverkauft, als sie auf der Flasche sind. Im Einzelhandel findet man vor allem die Winzervereinigung Freyburg, und heutzutage sind die Homepages und Online-Shops der Winzer ein guter Vertriebskanal.

[Sandra Warzeschka] Wie viele Weingüter gibt es? Ich habe die Statistik gerade offen: 37 Weingüter im Haupterwerb und derzeit 41 im Nebenerwerb mit Selbstvermarktung, dazu einige Agrarbetriebe und die Traubenerzeuger. Fast die Hälfte der gesamten Fläche geht an die Genossenschaft. Und zum VDP kam auch gerade die Frage: Wir haben drei VDP-Weingüter. Das erste war das Weingut Lützkendorf, die Aufnahme ist schon sehr lange her und war damals riesig, ein Saale-Unstrut-Weingut im VDP war nach der Wende eigentlich undenkbar. Dann das Weingut Pawis, das große Bekanntheit hat. Und vor zwei, drei Jahren wurde Matthias Hey aufgenommen, ein ganz junger Winzer und ein absoluter Virtuose der Steillagen.

[Luise Böhme] Zu Bio: Eine Handvoll Betriebe ist in der Zertifizierung, ein, zwei sind schon umgestellt, weitere in der Umstellung. In den Steillagen arbeitet man ohnehin so naturnah wie möglich, dort wird alles per Hand gemacht. Es gibt auch ein großes EU-Projekt im Anbaugebiet, das gerade verlängert wurde, unter anderem zur Bewirtschaftung mit Hilfe von Schafen.

[Martin Gurks] Zum gemischten Satz, die Frage kam tatsächlich dreimal: Wir haben ein kleines Projekt mit gemischtem Satz angelegt. Im gemischten Satz stehen verschiedene Rebsorten gemeinsam im Weinberg, die unterschiedlich reif werden, gemeinsam gelesen und gemeinsam verarbeitet werden. So wurde früher Wein angebaut: Die Jahrgänge sind unterschiedlich, und so konnte man garantieren, dass die Weine ein gutes Mittel ergeben. Die Jungfernlese steht noch aus. Und wie vorhin gesagt: Manche alten Flächen mit ihren bis zu sieben Sorten sind vom gemischten Satz gar nicht so weit weg.

[Sandra Warzeschka] Berühmte Lagen? Mit dem neuen Weingesetz rückt die Herkunft noch mehr in den Vordergrund. Der Freyburger Schweigenberg, auf der anderen Seite Freyburgs der Edelacker mit dem Herzoglichen Weinberg, der Blütengrund am Zusammenfluss von Saale und Unstrut, die exponierten Lagen um Höhnstedt am Süßen See, und direkt vor Martins Haustür der Dachsberg, ein wahnsinnig terrassierter Weinberg. Die Spitzenlagen sind wirklich diese Terrassenlagen, und es sind zugleich die arbeitsaufwendigsten. Jede Lage hat ihre Einzigartigkeit und ihre Tücken, das macht Saale-Unstrut zwischen den Flusstälern aus.

[Sandra Warzeschka] Zur Fläche: Wir haben die 800 Hektar geknackt. Während die Rebfläche bei manch anderem kleinen Anbaugebiet stagniert oder rückläufig ist, verzeichnet Saale-Unstrut eine absolute Steigerung. Unsere Weingüter haben mit sehr viel Enthusiasmus in kurzer Zeit, im Weinbau ist das ein Wimpernschlag, diese Region gestaltet. Aber wir wollen nicht plötzlich 5.000 Hektar haben: klein, aber fein.

Breitengrad 51

[Luise Böhme] Breitengrad 51 ist ein Verein an Saale-Unstrut, der sich gegründet hat, um zu zeigen, welches Qualitätsniveau an Saale-Unstrut möglich ist, und zwar nicht Qualität allein, sondern verbunden mit unverwechselbarer Herkunft. Wir sind mittlerweile acht Weingüter. Jedes Weingut versucht, in jedem Jahrgang einen Wein zu produzieren, der sich Breitengrad 51 nennen darf, und das darf er erst, nachdem er von einer Jury positiv bewertet worden ist. Es sind vorrangig die Rebsorten, die bei uns in der obersten Spitze eine Rolle spielen, egal ob Weißburgunder, Riesling oder im Rotweinbereich der Blaue Zweigelt. Darüber hinaus hat Breitengrad 51 eine vereinsinterne Cuvée aus den Trauben dieser acht Weingüter, die „Allerhand” heißt: ein junger, frischer, spritziger Terrassenwein.

Weinfeste und Tourismus

[Sandra Warzeschka] Wenn wir Gründe haben, feiern wir auch gut. Am zweiten Septemberwochenende findet normalerweise das größte Weinfest Mitteldeutschlands statt: Ganz Freyburg ist abgesperrt und wird drei Tage zum Weinfest, dort sind alle unsere Winzer zu finden, der Wein steht im Mittelpunkt. Früher wurde das Fest initiiert, um für den neuen Jahrgang zu werben. Dann der Weinfrühling zum Ersten Mai: Da kann man entlang unserer Steillagen wandern, die Winzer schenken direkt im Weinberg aus, man sitzt mitten in den Lagen. Wer zu Pfingsten überlegt, wo es hingehen soll: Da gibt es die Weinbergswanderung entlang der historischen Lagen, die einst die Mönche angelegt haben, von Bad Kösen nach Roßbach, auch etwas ganz Besonderes. Und am ersten Augustwochenende, eines meiner persönlichen Highlights, sind die Tage der offenen Weinkeller: Nahezu jedes Weingut an Saale-Unstrut hat geöffnet, man kann einen Blick hinter die Kulissen werfen, dorthin, wo die Weine im Keller geboren werden, und einfach das Gespräch mit dem Winzer suchen.

[Sandra Warzeschka] Saale-Unstrut lädt zum aktiven Erleben ein: wandern, Rad fahren, mit dem Kanu unterwegs sein, das ganze Jahr über, ob bei den Straußwirtschaften oder bei kleinen Veranstaltungen. Es lohnt der Blick in den Veranstaltungskalender, den es gedruckt und online gibt. Der ist beim Saale-Unstrut-Tourismus angedockt, dort stellen unsere Winzer ihre Termine ein, es ist fast jedes Wochenende etwas los.

Verkostung: Blauer Zweigelt, dazu die Rotweine der Region

[Sandra Warzeschka] Warum ein Blauer Zweigelt im Paket? Der Zweigelt spiegelt die ganze Geschichte von Saale-Unstrut wider: Er ist quasi als Unfall in diese Region gekommen. Zu DDR-Zeiten gab es keine eigene Rebschule, man freute sich über alle Reben, die man über gute Beziehungen bekam. Es sollten eigentlich Müller-Thurgau-Reben sein, die das VEB Kloster Pforta pflanzte. Als die ersten Trauben dran waren, waren sie plötzlich nicht weiß, sondern rot. So kam der Blaue Zweigelt in die Region, völlig ungeplant. Man hatte ihn aber in Spitzenlagen gepflanzt und merkte sehr schnell: Zweigelt und Saale-Unstrut, das spielt sehr gut zusammen. Wir haben dann auch das Geschwisterkind des Blauen Zweigelt in den Anbau geholt, den André, bei dem die Kreuzungseltern genau andersherum stehen und der in der Slowakei gezüchtet wurde. Damit sind wir tatsächlich das einzige Anbaugebiet in Deutschland, das den André hat. Kaum eine rote Rebsorte ist so geschichtsträchtig. Und natürlich sind wir keine Rotweinregion, aber wir können stolz sagen: Vor einem Jahr hat es tatsächlich ein Blauer Zweigelt von Saale-Unstrut geschafft, den Deutschen Rotweinpreis zu gewinnen. Man kann diese Probe unter das Motto stellen: Saale-Unstrut überrascht.

[Luise Böhme] Gerade wenn wir solche Rekordsommer haben mit 35 Grad in der Spitze, sind solche Jahre prädestiniert dafür, dass Rotweine in die Spitze klettern. Wir haben jetzt einen Blauen Zweigelt von alten Reben im Glas, anteilig im Barrique ausgebaut: eine schöne Kirscharomatik in der Nase, etwas Sauerkirsche, Weine mit viel Charakter, Komplexität und Körper. Und der Blaue Zweigelt macht auch als Weißherbst oder Rosé eine sehr gute Figur, das bauen einige Betriebe so aus.

[Martin Gurks] Die Rotwein-Verteilung ist nicht minder vielschichtig als beim Weißwein: Der Zweigelt ist eine der wichtigsten Rotweinsorten bei uns. Ganz oben stehen, der Geschichte gefolgt, auch Dornfelder und Portugieser, letzterer etwas rückläufig, wobei mich der Portugieser in den letzten Jahren sehr überrascht hat: Die trockenen Jahrgänge haben ihm nicht geschadet, sondern Tiefe und Fülle gegeben. Dazu Spätburgunder und Frühburgunder, relativ große Regent-Flächen im Thüringer Teil, wir hatten zeitweise sogar die größte zusammenhängende Regent-Fläche der Welt, und gerade im roten Bereich wird viel mit jüngeren Sorten gespielt, Cabernet Dorsa, Merlot und mehr.

Verabschiedung

[Jörg Schweizer, DWI] Die Weine haben mich überzeugt, und ich glaube, viele Teilnehmer heute Abend auch: Es wird einen Run auf Saale-Unstrut geben. Vielen Dank an die Teilnehmer für die vielen Fragen und an unsere drei Gäste.

[Andreas Kaul, DWI] Am dritten Februar geht es weiter mit dem Thema Sachsen. Die Weinpakete sind online, und dieses Video stellen wir auf YouTube. Hinweisen möchten wir auch auf unseren Podcast zu allen 13 Anbaugebieten, Saale-Unstrut ist natürlich dabei, mit allem, was Wein und Touristik der Region ausmacht.

Saale-Unstrut-Wein verstehen: die wichtigsten Erkenntnisse aus dem Seminar

Im oben eingebundenen Online-Seminar des Deutschen Weininstituts stellen die Weinbau-Expertin Sandra Warzeschka und die Winzer Luise Böhme und Martin Gurks ihr Anbaugebiet 98 Minuten lang vor, moderiert von Andreas Kaul und Jörg Schweizer. Wir fassen die Inhalte des Videos hier zusammen und haben einzelne Fakten redaktionell ergänzt und aktualisiert (jeweils gekennzeichnet).

Das nördlichste Qualitätsweinanbaugebiet Deutschlands

Saale-Unstrut liegt am 51. Breitengrad und ist damit das nördlichste Qualitätsweinanbaugebiet Deutschlands. Es verteilt sich über drei Bundesländer: Der Großteil liegt in Sachsen-Anhalt, ein kleinerer Teil in Thüringen, dazu kommt eine Enklave bei Werder an der Havel in Brandenburg. Dass hier trotzdem hervorragende Weine wachsen, liegt am milden Klima der Flusstäler im Regenschatten des Harzes. Neben Saale und Unstrut prägen auch die Weiße Elster um Zeitz, die Ilm bei Bad Sulza, der geflutete Geiseltalsee und die Mansfelder Seen um Höhnstedt die Rebflächen. Mit gut 800 Hektar ist die Region eines der kleinsten deutschen Anbaugebiete, wächst aber gegen den Trend.

Rebsorten: weiß, trocken und mit Weißburgunder an der Spitze

Saale-Unstrut ist ein Weißweingebiet: 75 Prozent der Fläche sind weiße Sorten, 85 Prozent aller Weine werden trocken ausgebaut. Insgesamt stehen über 80 Rebsorten im Anbau, eine Vielfalt, die auch ein Erbe der DDR-Zeit ist. Der Müller-Thurgau führte bei der Aufzeichnung noch die Statistik an, doch der Weißburgunder, der sich auf den Muschelkalkböden besonders wohlfühlt, stand kurz davor, ihn abzulösen. Daneben spielen Silvaner, Riesling, Bacchus, Kerner und der traditionsreiche Gutedel (22 Hektar) wichtige Rollen. Bei den roten Sorten sind Dornfelder, Portugieser und Spätburgunder verbreitet, die Besonderheit ist aber der Blaue Zweigelt: Er kam zu DDR-Zeiten als vermeintliche Müller-Thurgau-Lieferung ungeplant in die Region und wurde in Spitzenlagen gepflanzt. Sein „Geschwisterkind” André wächst deutschlandweit nur hier. Ein Blauer Zweigelt des Weinguts Gussek aus Naumburg gewann den Deutschen Rotweinpreis 2020 als erster ostdeutscher Siegerwein und belegte 2021 erneut den zweiten Platz (Ergänzung der Redaktion, im Seminar ohne Namen erwähnt).

Über 1.000 Jahre Weingeschichte: von der Reblaus bis zur Wende

Eine Tauschurkunde von 973 belegt den Weinbau bei Höhnstedt, in vielen Büchern gilt 998 als offizieller Beginn. Zur Blütezeit umfasste das Gebiet über 10.000 Hektar, bevor der Dreißigjährige Krieg, Mehltau und vor allem die Reblaus den Weinbau fast auslöschten. In der Folge entstand eine Rebenversuchsanstalt, in der der Naumburger Forscher Carl Börner die Reblaus-Resistenz amerikanischer Wildreben erkannte; nach ihm ist bis heute die erste vollständig reblausresistente Unterlagsrebe „Börner” benannt (Ergänzung der Redaktion: Details zur Person). Kurios: Die erste „Champagner-Fabrik” Deutschlands entstand 1824 in Naumburg, Jahrzehnte vor der 1856 gegründeten Weinhandlung Kloss & Foerster, aus der die heutige Rotkäppchen-Sektkellerei in Freyburg hervorging. Zu DDR-Zeiten gab es nur zwei Betriebe: das VEB Kloster Pforta (heute Landesweingut) und die Winzervereinigung Freyburg. Erst nach der Wende entstanden die heutigen Privatweingüter, die meisten zwischen 1990 und 1993. Aktuell zählt die Region 37 Weingüter im Haupterwerb und 41 im Nebenerwerb, rund die Hälfte der Fläche liefert weiterhin an die Genossenschaft. Im Seminar (Stand Januar 2022) waren drei Weingüter Mitglied im VDP: Lützkendorf, Pawis und Hey. Seit August 2022 gehört mit Böhme & Töchter, dem Weingut der Seminar-Sprecherin Luise Böhme, ein viertes dazu (Ergänzung der Redaktion).

Muschelkalk, Steillagen und ein Klima der Extreme

Zwei Bodentypen prägen den Saale-Unstrut-Wein: Muschelkalk im Kerngebiet um Freyburg (mineralische, spritzige Weine) und Buntsandstein im Thüringer Teil (etwas schwerere Weine), oft mit Löss-Auflage. Die Spitzenlagen wie der Freyburger Schweigenberg, der Edelacker mit dem Herzoglichen Weinberg oder der Blütengrund sind querterrassierte Steillagen mit alten Weinbergsmauern, in denen fast alles Handarbeit ist: Pflanzenschutz per Rückenspritze oder Schlauchleitung, Hubschrauber und Drohnen kommen nicht zum Einsatz. Gleichzeitig ist die Region ein Anbaugebiet der Extreme: Auf die Trockenjahre 2018 bis 2020 folgte im Februar 2021 ein Rekordwinter mit bis zu minus 26 Grad, der teils über 50 Prozent Frostschäden verursachte.

Breitengrad 51: acht Weingüter, ein Qualitätsversprechen

Breitengrad 51 ist ein Zusammenschluss von acht Weingütern an Saale-Unstrut, benannt nach der geografischen Lage des Anbaugebiets. Jedes Mitglied kann pro Jahrgang einen Wein einreichen, der den Namen erst nach positiver Bewertung durch eine Jury tragen darf. Dazu kommt die gemeinsame Cuvée „Allerhand”, ein junger, frischer Terrassenwein aus den Trauben aller Mitgliedsgüter. Die Initiative wurde 2010 gegründet und präsentierte 2012 erstmals gemeinsam ihre Weine (Ergänzung der Redaktion).

Tipps für deinen Besuch im Weinanbaugebiet Saale-Unstrut

Ergänzend zum Seminar haben wir die wichtigsten praktischen Informationen für eine Reise in die Weinregion zusammengestellt und die Quellen verlinkt.

Weinfeste an Saale-Unstrut: die wichtigsten Termine

Zum Weinfrühling rund um den 1. Mai schenken Winzer direkt in den Steillagen aus. Zu Pfingsten lädt die traditionelle Weinbergswanderung von Bad Kösen nach Roßbach entlang historischer Klosterlagen ein. Am ersten Augustwochenende öffnen bei den Tagen der offenen Weinkeller nahezu alle Weingüter ihre Keller. Höhepunkt ist das Winzerfest in Freyburg am zweiten Septemberwochenende, das größte Weinfest Mitteldeutschlands, bei dem die ganze Altstadt drei Tage lang zur Festmeile wird. Die Termine verschieben sich von Jahr zu Jahr leicht; aktuelle Daten und viele kleinere Hof- und Straußwirtschafts-Termine findest du im offiziellen Veranstaltungskalender von Saale-Unstrut-Tourismus, in den die Winzer ihre Veranstaltungen direkt eintragen.

Weinstraße, Wandern und Radfahren

Die Weinstraße Saale-Unstrut verbindet ab Bad Sulza die Weinorte der Region. Erkunden lässt sich das Anbaugebiet hervorragend zu Fuß, mit dem Rad entlang von Saale- und Unstrutradweg oder mit dem Kanu auf der Unstrut. Lohnende Ziele sind der Blütengrund bei Naumburg, wo Saale und Unstrut zusammenfließen, Schloss Neuenburg über Freyburg, der Naumburger Dom mit der berühmten Stifterfigur Uta (UNESCO-Weltkulturerbe) und die Fundregion der Himmelsscheibe von Nebra.

Weingüter besuchen und Saale-Unstrut-Wein verkosten

Viele Weingüter bieten Verkostungen, Gutsausschank und Straußwirtschaften an, vom Landesweingut Kloster Pforta über die Winzervereinigung Freyburg bis zu den vier VDP-Gütern der Region. Welche Betriebe sich aus unserer Sicht besonders lohnen, liest du in unseren persönlichen Weingüter-Empfehlungen für Saale-Unstrut. Wie du bei der Verkostung das Meiste aus den Weinen herausholst, zeigt unser Beitrag Weinprobe zu Hause: Wein verkosten wie ein Profi. Und wo Saale-Unstrut auf der Karte der 13 deutschen Anbaugebiete liegt, zeigt unser Überblick über die Weinanbaugebiete Deutschlands.

Häufige Fragen zu Saale-Unstrut-Wein

Wo liegt das Weinanbaugebiet Saale-Unstrut?

Saale-Unstrut liegt in Mitteldeutschland am 51. Breitengrad und verteilt sich über Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg. Das Kerngebiet erstreckt sich entlang der Flusstäler von Saale und Unstrut rund um Freyburg und Naumburg, dazu kommen Flächen an der Weißen Elster bei Zeitz, um Höhnstedt am Süßen See und bei Werder an der Havel.

Ist Saale-Unstrut das nördlichste Weinanbaugebiet Deutschlands?

Ja. Saale-Unstrut ist das nördlichste Qualitätsweinanbaugebiet Deutschlands. Dass am 51. Breitengrad dennoch Qualitätswein gedeiht, liegt an den wärmespeichernden Flusstälern im Regenschatten des Harzes mit rund 1.600 Sonnenstunden und nur etwa 500 Millimetern Niederschlag im Jahr.

Welche Rebsorten sind typisch für Saale-Unstrut?

Typisch sind trockene Weißweine: Müller-Thurgau und Weißburgunder führen die Anbaustatistik an, dazu kommen Silvaner, Riesling, Bacchus, Kerner und der traditionsreiche Gutedel. Bei den roten Sorten sind Dornfelder, Portugieser und Spätburgunder verbreitet, die regionalen Besonderheiten sind der Blaue Zweigelt und der André, der deutschlandweit nur an Saale-Unstrut wächst.

Welche Weingüter an Saale-Unstrut sind im VDP?

Vier Weingüter der Region gehören dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter an: Lützkendorf in Bad Kösen (Mitglied seit 1996), Pawis in Freyburg (seit 2001), Hey in Naumburg (seit 2019) und Böhme & Töchter an der Unstrut (seit 2022). Unsere persönlichen Favoriten aus eigener Erfahrung findest du in unseren Weingüter-Empfehlungen für Saale-Unstrut.

Wo kommt Rotkäppchen Sekt her?

Rotkäppchen Sekt kommt aus Freyburg an der Unstrut, mitten im Weinanbaugebiet Saale-Unstrut. Die Kellerei ging aus der 1856 gegründeten Weinhandlung Kloss & Foerster hervor und ist heute als Rotkäppchen-Mumm eine der bekanntesten Sektmarken Deutschlands. Die Sekttradition der Region reicht sogar noch weiter zurück: Bereits 1824 entstand in Naumburg die erste „Champagner-Fabrik” Deutschlands.

Was ist Breitengrad 51?

Breitengrad 51 ist ein 2010 gegründeter Verein von acht Weingütern an Saale-Unstrut, benannt nach der geografischen Lage des Anbaugebiets. Jedes Mitglied kann pro Jahrgang einen Wein einreichen, der erst nach positiver Bewertung durch eine Jury den Namen Breitengrad 51 tragen darf. Der Verein steht für herkunftsgeprägte Spitzenweine der Region und produziert gemeinsam die Cuvée „Allerhand”.

Wann finden die Weinfeste an Saale-Unstrut statt?

Die wichtigsten Termine: Weinfrühling um den 1. Mai, Weinbergswanderung zu Pfingsten, Tage der offenen Weinkeller am ersten Augustwochenende und das Winzerfest in Freyburg am zweiten Septemberwochenende, das größte Weinfest Mitteldeutschlands. Dazu kommen ganzjährig Straußwirtschaften und kleinere Veranstaltungen; die aktuellen Termine stehen im Veranstaltungskalender der Region.